Glaube · Vertreibung · neue Heimat

Die Quinauer Wallfahrt Von Květnov im Erzgebirge nach Trutzhain

Heimatvertriebene aus dem Komotauer Land brachten nach 1945 nicht nur ihre Erinnerungen nach Trutzhain. Sie bewahrten auch eine jahrhundertealte Wallfahrtstradition und machten Trutzhain zu einem bedeutenden katholischen Wallfahrtsort in Nordhessen.

Eine Tradition über Grenzen hinweg

Was hat Trutzhain mit Quinau zu tun?

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges kamen zahlreiche Flüchtlinge und Heimatvertriebene in das ehemalige Kriegsgefangenenlager STALAG IX A Ziegenhain. Unter ihnen befanden sich viele Katholiken aus Schlesien, Ostpreußen, Pommern und dem Sudetenland.

Heimatvertriebene aus dem Raum Komotau, dem heutigen Chomutov, kannten die Wallfahrt zur Kirche Mariä Heimsuchung in Quinau, heute Květnov. Da eine Rückkehr in ihre frühere Heimat kaum möglich war, führten sie die Wallfahrtstradition in Trutzhain weiter.

Bereits 1949 oder 1950 wurde die Quinauer Wallfahrt in der damaligen Flüchtlingssiedlung gefeiert – noch bevor Trutzhain am 1. April 1951 eine selbstständige politische Gemeinde wurde.

Die Geschichte der Quinauer Wallfahrt hören

Zwei Audiobeiträge erzählen von den Ursprüngen der Wallfahrt und davon, wie die Tradition nach Trutzhain kam.

Quinau – Teil 1

Die Ursprünge der Wallfahrt und ihre Bedeutung für die Menschen aus dem Komotauer Land.

Quinau – Teil 2

Die Fortführung der Wallfahrtstradition in Trutzhain und ihre Bedeutung bis heute.

Kirche, Wallfahrt und Erinnerung

Historische und heutige Ansichten aus Trutzhain

Die Kirche Maria Hilf in Trutzhain Die zeltförmige Kirche wurde zum sichtbaren Mittelpunkt der Wallfahrt.

Ein „Zelt Gottes“ als neue Heimat

Die 1964 und 1965 errichtete Kirche Maria Hilf wurde bewusst als „Zelt Gottes“ gestaltet. Der Entwurf des Kasseler Kirchenarchitekten Josef Bieling erhebt sich über einem Grundriss von rund 22 × 11,5 Metern; die Spitze ragt etwa 16 Meter hoch. Der Kirchenraum war für ungefähr 200 Sitzplätze ausgelegt.

Besonders eindrucksvoll ist die Lichtführung: Die Eingangsgiebelwand ist vollständig mit Betonwabenfenstern verglast, während ein breites Lichtband hinter dem Altar den Blick auf den Altarraum lenkt. Zusammen mit Glockenturm, Pfarrhaus und einer Werktagskapelle entstand nicht nur ein Gotteshaus, sondern ein vollständiges Gemeindezentrum.

Nach einer zeitgenössischen Beschreibung zur Kirchweihe im Jahr 1965, wiedergegeben in der Festschrift von 1990.
Erinnerungen sehen

Erinnerungsbilder und Video

Erinnerungen in Bild und Schrift

Statt der Audiobeiträge finden sich hier nun zwei kleine Erinnerungsbilder – eine Porträtansicht und der überlieferte Originaltext. Beide Bilder lassen sich per Klick vergrößern.

Hinweis: Beide Bilder sind bewusst klein eingebunden, damit die Seite ruhiger wirkt. Die große Ansicht öffnet sich erst beim Anklicken.

ErinnerungenAnmerkung: Der Originaltext auf dem Bild. (Bitte anklicken zum Vergrößern.)

Vom Erzgebirge in die Schwalm

Stationen einer außergewöhnlichen Geschichte

1342

Die Quinauer Legende

Nach der Überlieferung fand ein Hirtenjunge bei Quinau eine Marienfigur. An dieser Stelle soll später die Wallfahrtskirche entstanden sein.

1945/46

Flucht und Vertreibung

Die deutschsprachige Bevölkerung musste das Komotauer Land verlassen. Mit den Menschen gelangten Erinnerungen, Bräuche und die Wallfahrtstradition in den Westen.

1948

Eine neue Heimat im ehemaligen Lager

Flüchtlinge und Heimatvertriebene wurden in den Baracken des früheren STALAG IX A untergebracht. Dort entwickelte sich die Flüchtlingssiedlung Trutzhain.

1949/50

Die Wallfahrt wird fortgeführt

Noch vor der Gemeindegründung begannen die Vertriebenen, die Quinauer Wallfahrt in Trutzhain zu feiern. Eine ehemalige Baracke diente zunächst als Kirche.

Die frühere Barackenkirche Vor dem Neubau diente eine ehemalige Lagerbaracke als katholische Kirche.
1964/65

Die neue Kirche Maria Hilf

Die heutige zeltförmige Wallfahrtskirche wurde gebaut. Ihre Architektur erinnert an Flucht, Unterwegssein und die Suche nach einer neuen Heimat.

ab 1990

Neue Begegnungen über Grenzen hinweg

Nach dem Ende des Eisernen Vorhangs konnten ehemalige Vertriebene wieder nach Květnov pilgern. Neue Kontakte zwischen Tschechien und Trutzhain entstanden.

Weitere Ansicht des Kirchenraums Der Innenraum erinnert an die besondere Entstehungsgeschichte der Gemeinde.
Mehr als eine religiöse Feier

Wofür die Wallfahrt heute steht

01

Bewahrte Erinnerung

Die Wallfahrt bewahrte ein Stück der religiösen und kulturellen Heimat der Vertriebenen aus dem Komotauer Land.

02

Neue Heimat

In Trutzhain wurde die mitgebrachte Tradition Teil einer neuen örtlichen Identität.

03

Versöhnung in Europa

Heute verbindet die Wallfahrt Trutzhain und Květnov in einem Geist der Begegnung und Verständigung.

Die Quinauer Wallfahrt ist ein sichtbares Zeichen dafür, dass Menschen ihre Heimat verlieren können, ohne ihre Geschichte, ihren Glauben und ihre Hoffnung aufgeben zu müssen.

Trutzhain – Erinnerungsort, neue Heimat und Ort der Begegnung
Hinweis zur Überlieferung: Die Geschichte von der Auffindung der Marienfigur im Jahr 1342 beruht auf einer religiösen Legende. Für das genaue Entstehungsereignis liegen keine zeitgenössischen Urkunden vor.